Zypern-Frage

Kaum ein internationales Problem beschäftigt die Vereinten Nationen so lange wie die Zypernfrage. Immer wieder wird dieser Konflikt aber auf die Ereignisse des Jahres 1974 reduziert. Damals putschte die Militärjunta in Athen gegen den zyprischen Staatspräsidenten Makarios III. Die Folge war eine türkische Militärintervention. Die griechischzyprische Seite nennt diese Intervention „Invasion“ mit anschließender „Okkupation“ des Nordens von Zypern. Für viele Zyperntürken markierte der türkische Einmarsch im Sommer 1974 das Ende langen Leids. Dieses begann im Grunde bereits vor der Gründung der Republik Zypern im August 1960. Zypern war 1878 vom Osmanischen Reich an die Britische Krone verpachtet und 1914 als Kronkolonie annektiert worden. Die Mehrheit der Bevölkerung aber war seit jeher griechisch-orthodox. Sowohl die kirchlichen wie die weltlichen Führer der Zyperngriechen forderten die Briten auf, Zypern an Griechenland zu übergeben. Die Idee der Union „ENOSIS“ führte zu einem blutigen Widerstandskampf geführt von einer Gruppierung namens EOKA. Die türkischen Zyprer sahen sich bald ebenso als Zielscheibe dieser bewaffneten Gruppierung. Sie betonten, dass die Insel im Falle einer Unabhängigkeit an die Türkei – dem Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches – übergeben werden müsste. Großbritannien zog sich aus Zypern zurück und übergab das Eiland in die Hände der Zyprer. In London und Zürich wurde eine Verfassung ausgearbeitet, die Zypern zu einem weltweiten Vorbild machen sollte: es entstand eine Partnerschaftsrepublik (auf fragilen Füßen wie sich rasch herausstellte). Die griechische Seite unter Staatspräsident Makarios III nannte die Verfassung „nicht arbeitstauglich“ und postulierte die Union mit Griechenland weiter als Staatsziel. Die türkische Seite aber bestand auf ihrer rechtlich verbrieften Gleichberechtigung und der verfassungsgemäßen Ordnung. 1963 schlug Makarios III. vor, die Verfassung zu ändern. Diese Änderung marginalisierte das zweite Staatsvolk: die Zyperntürken. Zudem wurden sie ihrer Rolle als gleichberechtigter Partner beraubt. Zeitgleich wurde ein Geheimplan (Akritas-Plan) angekurbelt, der die vollständige Ausklammerung der Zyperntürken aus dem gesellschaftlichen-politischen Leben bedeutet hätte. Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen; viele türkische Zyprer wurden aus ihren angestammten Dörfern vertrieben. Im März 1964 entschied die UNO eine Friedenstruppe auf die Insel zu entsenden – auch um den Schutz der türkischen Volksgruppe in der Hauptstadt Nikosia zu gewährleisten. Die Teilung der Stadt durch die so genannte „Green Line“ geht auf dieses Jahr zurück. Nach den Wirren der Jahre 1963/64 lebten die türkischen Zyprer in Ghettos und Enklaven; sie mussten sich neu organisieren und es kann durchaus gesagt werden, dass die Republik Zypern in ihren verfassungsrechtlich vorgegebenen Grundzügen keinen Fortbestand mehr hatte. Nach der geographischen Zweiteilung 1974 wurden mehrere Anläufe unternommen, die Teilung zu überwinden. Man scheiterte aber grundsätzlich, weil der griechischen Seite der Titel „Regierung Zyperns“ zugestanden wurde und diese bis heute keinen Grund sieht, Macht und Einfluss mit den Zyperntürken gleichberechtigt zu teilen. Die Inseltürken haben bis heute ihre Position als gleichberechtigtes Staatsvolk nich verloren. Im November 1983 hat die türkischzyprische Seite einen eigenen Staat ausgerufen: die Türkische Republik Nordzypern (TRNC). Sie wird international nur von der Türkei als unabhängiger Staat anerkannt. Verhandlungen zwischen beiden Seiten scheiterten auch nach der Proklamation der TRNC. Im Frühjahr 2004 wurde von den Vereinten Nationen ein Friedensplan (sog. „Annan-Plan“) zur Abstimmung vorgelegt. Dieser sah eine Wiedervereinigung der Insel vor. Die türkische Seite stimmte zu, die griechische Seite lehnte den Plan mit großer Mehrheit aber ab. Zypern blieb geteilt und die Verhandlungen stecken weiterhin in der Gasse.

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